Liebe in Zeiten der Cholerik

Zu den Acryl-Bildern von Vau

 

Von Robert Mattheis

 

Vau zeigt die Menschen einsam, verdinglicht; Objekte, die sich aufeinander kaum zu beziehen wagen und am überzeugendsten dann sind, wenn sie, eine Gitarre in der Hand, unbeobachtet eine Straße hinunter wandern. Die Welt von Vaus Kunst ist eine erstarrte, wie schockgefrorene Welt, eine Welt aus Eis, längst auf dem Grund des Meeres angekommen, wohin ein Schiff, das die "Titanic" sein könnte, in jähem Entsetzen über das ihr Bevorstehende schleunigst abtaucht. Doch was ist das für eine Unterwasserwelt! Jules Verne meets Edward Hopper. Hier unten, in diesem Traumreich einer kalten Überbewusstheit, irisieren neonbunte Farben - Farben, die wie gefärbt scheinen von der Apokalypse selbst, was man aber nur zu begreifen vermag, wenn man weiß, dass "Apokalypse" ursprünglich nicht "Weltuntergang", sondern "Offenbarung" bedeutet. Ja, Vau legt sein Heil in die Farben. In einer Welt, in der nichts mehr geht, kann man, was nicht mehr geht, wenigstens noch strahlen lassen in lautem Glanz. Jene Stümpfe von Möglichkeiten scheinen neu auf vor Horizonten, deren Weite den Betrachter in sich hinein saugen zu wollen scheint, grell und klar und grenzenlos, in einem Leuchten, von dem wir annehmen müssen, dass es vom Licht der Erlösung ausgeht.

Es kann kein Zufall sein, dass Vau sich ausgerechnet der Acryl-Malerei zugewendet hat. Bekanntlich wurde das Acryl ca. 1960 erfunden - es ist eine synthetische Farbe, und damit ist schon viel über diese Kunst ausgesagt. Denn auf Vaus Bildern herrscht eine ins Allerkünstlichste hinauf geschraubte Atmosphäre von natura morta, von toter, stillgestellter Natur - Natur unter Glas, wie festgefroren im ewigen Eis einer krampfartigen Erinnerung. Kontemplationen der Endlichkeit, allerdings aus Plastik - was sowohl für die Kontemplation als auch für die Endlichkeit gilt. Andy Warhol lässt grüßen. Vau bekennt sich zu seinen Popquellen und erweist David Hockney bei jeder Gelegenheit seine Reverenz, lässt Gerhard Richter links liegen und zieht seinen Hut vor Robert Rauschenberg. Ja, sein unverfrorener, unbeeindruckter Vitalismus ist, bei allem Wissen um die Brüchigkeit der Welt, nicht zu übersehen: Denn trotz aller stillen Resignation findet sich in Vaus Arbeiten doch eine nahezu schockierende Menge von "still life"; hier tobt immer noch das Leben, wie in einem Katatoniker. Vau evoziert eine Existenzbeharrlichkeit, die, wenn auch in die Ecke gedrängt, einfach nicht aufhören will, an einen Tag der Rückkehr, an eine Wiedererweckung zur einstigen Seinsfülle zu glauben. Ähnlich wie jene Frösche, die, wenn die Eiszeit kommt, sich einfach einfrieren lassen - um dann, in wärmeren Zeiten, aufzutauen und munter weiterzuleben wie zuvor, als wäre nichts gewesen. Plastik verrottet nicht. Vaus Mittel, diese strapazierfähige Hoffnung mit immer neuer zitternder Lebensenergie zu füllen, ist die Farbe, der der Künstler jede Menge Raum gibt. Vau liebt weite Horizonte, die vor transparenter Leuchtkraft zu explodieren scheinen.

Diese Explosivität, dieser malerische Ausbruchscharakter verweist auf ein weiteres Spezifikum des Vau'schen Schaffens. Denn auch dass Acryl schnell trocknet, ist bekannt. Die Effekte einer Augenblickskunst - ein Äquivalent vielleicht zu Goethes "Gelegenheitsdichtung" - pflegte Vau schon zu seiner Zeit als stilbildender Gitarrist der Bands "Kinky Sahara" und "Le Nouveau Sahara". Er strebte stets nach Improvisationen, Minuteneinfällen und Launen mehr als nach konsequent verfolgten und umgesetzten Arrangements; so stand seine Tonkunst dem Jazz immer näher denn einem klassischen, abgezirkelt-geplanten Musikverständnis. Ihr eigentliches Zentrum war - und das gilt auch für seine malerischen Arbeiten - die Improvisation. Und man vergesse nicht, dass Vaus Improvisationskunst von der Paradoxie lebt! Leben und Tod, Jules Verne und Edward Hopper, Andy Warhol und Georges de la Tour, Pop Art und Dada, Derrida und Hezekiel - je greller die Kontraste, desto stärker gerät in Vau das Künstlerblut in Wallung. Bringt die Farbintensivität - die Vau nicht selten mit opulenter Impasto-Technik erreicht - eine dritte Dimension in seine Bilder, so konterkariert er damit kunst- und eindrucksvoll die natürliche Flachheit des Acrylauftrags. Es wäre noch viel zu sagen, doch mag es hier vorerst ein Ende haben.

 

 

Robert Mattheis lebt und arbeitet als Medienphilosoph und Philosophiekritiker in Nürnberg.